Leseproben


Portfolio im Kindergarten

Aus dem Kapitel "Umsetzung in die Praxis"

3.1 Didaktische Hinweise

Die Arbeit mit Portfolios, welche die individuelle Entwicklung des Kindes dokumentiert, erfordert auch ein anderes Verständnis der Rolle als Lehrperson. Traditionellerweise ist die Lehrperson verantwortlich für die Festlegung der Bildungsinhalte. Dazu orientiert sie sich an entsprechenden Referenzwerken. Anhand von Beobachtungen legt sie die mittel und langfristige Planung an und definiert die dazu nötigen Lernziele. Generell richten sich diese Lernziele an die Gesamtgruppe, manchmal auch an die Bedürfnisse einzelner Schüler und Schülerinnen. In der Arbeit mit Portfolios präsentiert sich die Unterrichtssituation anders. Nun hat das Kind eine Entscheidungsposition inne, es legt fest, was es wann und wie lernt. Diese Selbstbestimmung des Kindes führt zur neuen Rolle der Lehrperson als Coach, als Begleiterin des Kindes auf seinem individuellen Entwicklungs- und Lernweg. Damit verbunden ist das Loslassen in Bezug auf die eigenen Vorstellungen, auf das Hierarchieverständnis und eine traditionelle Schulführung. Die neue Rolle bedingt eine offene Haltung und Toleranz gegenüber der veränderten Situation, in welcher die Lernenden und die Lehrperson Partner sind.
Die Grundlage dafür ist bereits im bestehenden Lehrplan Kindergarten (Bern, 1999) gegeben: «Die Didaktik orientiert sich an der Entwicklungssituation der Kinder.» Dieser Ansatz basiert auf entwicklungspsychologischen Annahmen. Dabei wird unter anderem auf die Neugier und Lernfreudigkeit der Kinder hingewiesen. In der Arbeit mit Portfolios kann beobachtet werden, dass Kinder eigenständig und teilweise unter Einfluss der Lerngruppe Arbeitsvorhaben wählen und definieren. Dabei scheinen ihnen die Ideen nie auszugehen, auch wenn sie oft von den traditionellen Tätigkeiten der Kindergartenarbeit oder von den Vorstellungen der Lehrperson abweichen. Die Respektierung dieser Entdeckungsfreudigkeit fördert die unterschiedlichen Interessen und Verhaltensweisen der Lernenden. Ein besonderes Augenmerk sollte die Lehrperson dem Lernvermögen der Kinder widmen. Für viele Kinder ist es schwierig, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten einzuschätzen. Die Arbeit mit Portfolios ebnet den Kindern den Weg zu einer realistischen Selbstbeurteilung. 
Da in der Arbeit mit Portfolios alle Lernenden ihre Lernbedürfnisse und ihre Lernziele eigenständig definieren, erfüllt das Portfolio in hohem Masse den Anspruch an einen integrierten, kindzentrierten und individuellen Unterricht.
Für die Portfolio-Arbeit sind folgende didaktische Grundsätze besonders relevant:

Voraussetzungen erfassen, beobachten und beurteilen

In der Unterrichtsplanung orientiert sich die Lehrperson an den Voraussetzungen der Kinder. Durch die Portfolio-Arbeit werden Voraussetzungen zusehends auch von den Lernenden selbst erkannt. Mit diesem Prozess wächst die Frustrationstoleranz der Lernenden. Nach anfänglichen Enttäuschungen über die eigenen Grenzen und Möglichkeiten entsteht nach und nach die Freude und Anteilnahme am eigenen Gelingen und an den Fortschritten der anderen.

Verschiedene Lernwege ermöglichen

Die unterschiedlichen Zielsetzungen der Lernenden führen unweigerlich zu differenzierten Lernwegen. Dies setzt hohe Anforderungen an die Organisationsfähigkeit der Lehrperson. Nicht selten stehen die Kinder vor dem Problem, dass sie sich mit ihren Fragen und Anliegen nicht unverzüglich an die Lehrperson wenden können. Dadurch werden die Problemlösungsstrategien der Lernenden herausgefordert. Beispielsweise erinnern sie sich an erfolgreiche Mitschüler und Mitschülerinnen, bitten diese um Hilfe und ernennen sie zu ihren persönlichen Lernberatern.

Zielorientiert planen und Inhalte auswählen

Die Zielorientiertheit kann über verschiedene Wege erreicht werden. Einerseits besteht die Möglichkeit für die Lernenden, einen Auswahlkatalog zu erstellen. Die Angebote in diesem Katalog richten sich nach den Lehrplanzielen. Für Kinder mit Entscheidungsschwierigkeiten bewährt es sich, diese Auswahl zusätzlich einzuschränken.
Eine weitere Möglichkeit ergibt sich durch die Tätigkeiten, welche die Lernenden wählen. Diese sollen ihren Bedürfnissen entsprechen. Die jeweilige Wahl wird schriftlich festgehalten. Die Lehrperson stellt durch ihre Analyse den Bezug zwischen den gewählten Lerntätigkeiten und den Lehrplanzielen her.

Vielfältige Spiel-, Lehr- und Lernformen einsetzen

Dem Einsatz der Spiel-, Lehr- und Lernformen sind keine Grenzen gesetzt. Entsprechend der Tätigkeit muss die sinnvollste Wahl getroffen werden. Oft haben die Lernenden sehr konkrete Vorstellungen über die benötigten und gewünschten Arbeitsinstrumente. Manche Prozesse erfordern den Einsatz mehrerer Spiel-, Lehr- und Lernformen, die in chronologischen Teilschritten durchgeführt werden sollten. Beispiel: Ein Kind möchte Spiegeleier kochen lernen. Bevor es zum lustvollen Aufschlagen des Eis kommt, müssen verschiedene Tätigkeiten vollzogen werden: Vorgehen überlegen, Gefahren definieren, Material beschaffen, Teilschritte des Rezeptes überlegen und visualisieren, Einkaufsliste erstellen, einkaufen.

Rhythmisieren der Kindergartenzeit

Hier gilt es zwei Rhythmisierungsformen zu unterscheiden. Die eine richtet sich an die gesamte Lerngruppe. Sie bestimmt den Zeitpunkt, an dem am Portfolio gearbeitet wird. Es empfiehlt sich, dazu einen fixen Halbtag zu bestimmen. Dies verschafft den Lernenden Orientierung und Sicherheit. Innerhalb dieser äusseren Struktur entsteht wiederum eine individuelle Rhythmisierung, die durch die einzelnen Schüler und Schülerinnen festgelegt wird. Einige befinden sich beispielsweise in einer Konzentrationsphase, andere in einer Übergangs- oder Ruhephase. Häufig kann eine Kleingruppe beobachtet werden, die sich im regen Austausch befindet und eine Neuorientierung sucht.

Verschiedene Sozialformen einsetzen

Grundsätzlich ist die Portfolio-Arbeit eine Einzelarbeit in dem Sinne, als sie auf das Individuum ausgerichtet ist. Es können aber durchaus sinnvolle Lernpartnerschaften entstehen, z. B. um zu beraten und sich beraten zu lassen, Meinungen auszutauschen, sich zu orientieren oder um zusammenzuarbeiten. Regelmässig sollte eine Standortbestimmung im Plenum stattfinden. Hierbei werden Werke vorgestellt, Erfahrungen ausgetauscht, Fragen geklärt. So entsteht eine kritische ressourcenorientierte Evaluations- und Reflexionskultur, welche die Weiterarbeit qualitativ beeinflusst.

Gestalten der Spiel- und Lernumgebung

Durch die individuellen Beschäftigungen und Inhalte entstehen unterschiedliche Spielumgebungen, die über Aktivitäten im Klassenraum hinausgehen, z. B. Installationen, elektrische Anschlüsse, sanitäre Anlagen. Eingeschränkte Platzverhältnisse stellen Lehrpersonen oft vor Probleme. Abhilfe kann die Nutzung von Aussenräumen bringen. So kann beispielsweise das Seilspringen in den Flur verlegt werden. Ein grösseres Problem stellen gleichzeitige widersprüchliche Bedürfnisse dar, z. B. wenn ein Kind ein Musikinstrument bedient und sich ein anderes gleichzeitig auf eine Hörübung konzentrieren möchte. Hier empfiehlt es sich, zusammen mit den Kindern Regeln zu vereinbaren.

Evaluation des Unterrichts

Die Arbeit mit Portfolios sollte sorgfältig und regelmässig evaluiert werden. Die Evaluationspunkte richten sich sowohl auf die Schülerarbeiten als auch auf die Lehrmethoden. Bei der Unterrichtsgestaltung sollten etwa der gewählte Portfolio-Arbeitsrhythmus ebenso wie eingeführte Regeln immer wieder kritisch überprüft werden. Grundsätzlich soll die Evaluation eine Verbesserung des Unterrichts bewirken.

Aus dem Kapitel "Personalblätter"

Die Personalblätter unterstützen den Einstieg in die Arbeit mit Portfolios. Hier beschäftigt sich das Kind mit sich selbst, seiner Biografie, seinen Stärken und Schwächen, seinen Vorlieben und Fähigkeiten und seiner Klasse. So kann es sich Schritt für Schritt mit dem Konzept Portfolio vertraut machen. Einige Personalblätter richten sich in erster Linie an die Eltern, die so, am besten nach einer vorausgegangenen Information, aktiv in die Arbeit mit Portfolios eingebunden werden können.

Aus dem Kapitel "Nachweise Selbstkompetenz"

Die Nachweise zur Selbstkompetenz dokumentieren, wo das Kind Eigenverantwortung wahrnimmt, wie selbständig es arbeitet und wie sein Selbstbewusstsein sich entwickelt. Dabei werden Themen angeschnitten wie Konzentration, Ordnung, Arbeitsverhalten, Zeiteinteilung, Arbeitshaltung, Selbstreflexion, Selbstkritik, Wissensneugier, Lernstrategien, Zielorientierung, Arbeitstechnik und Entscheidungsfreudigkeit.